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Hintergrund

Ist die Neuapostolische Kirche eine Sekte?

Um die Antwort vorweg zu nehmen: Die Neuapostolische Kirche (NAK) ist keine Sekte. Das sehen auch die großen christlichen Kirchen in Deutschland so. Beispielsweise bezeichnet die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen die Neuapostolische Kirche in ihren Veröffentlichungen als „größte christliche Sondergemeinschaft in Deutschland“.

Misst man die neuapostolische Glaubenslehre am Neuen Testament, so ist es nicht sachgemäß, die Neuapostolische Kirche als Sekte zu bezeichnen. Der neuapostolische Glaube hat viele Gemeinsamkeiten mit dem anderer Christen: Wir glauben an den dreieinigen Gott, an Jesus Christus, den Mensch gewordenen Gott, unseren Herrn und Erlöser sowie an seine Wiederkunft.

Begriff der Sekte ist mehrdeutig

Hinzu kommt, dass der Sektenbegriff problematisch ist: Es handelt sich um keinen wertfreien, sondern einen polemischen Begriff. In der Öffentlichkeit wird unter „Sekte“ meist eine extreme Gruppe verstanden, die sich nach außen abschließt sowie ihre Mitglieder psychisch und finanziell ausbeutet.

Woher kommt das Vorurteil, die Neuapostolische Kirche sei eine Sekte? Dies hat verschiedene Gründe. Vielen wurde dies im schulischen Religionsunterricht vermittelt. Andere haben die „Aussteigerdiskussion“ in den 90er Jahren mitbekommen, die auch in einigen Talkshows geführt wurde. Der verbreiteteste Grund dürfte jedoch sein, dass viele nicht wissen, wofür die Neuapostolische Kirche steht und an was neuapostolische Christen glauben.

Unwissenheit führt zu Vorurteil

In einer repräsentativen Umfrage der Neuapostolischen Kirche Nordrhein-Westfalen kam heraus, dass die Kirche in der Öffentlichkeit etwas stärker als Sekte (33 Prozent) denn als Kirche (26 Prozent) wahrgenommen wird. 41 Prozent - und damit die größte Gruppe - trauten sich in dieser Frage kein Urteil zu. Das Ergebnis lässt vermuten, dass die meisten einfach zu wenig über die Neuapostolische Kirche wissen und auch darin ein Grund für das Vorurteil liegt.

Gegen die Klassifizierung als Sekte sprechen auch die guten Kontakte der Neuapostolischen Kirche zu Vertretern anderer Kirchen – insbesondere auf Gemeindeebene. Die Neuapostolische Kirche hat inzwischen in einigen lokalen Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen (ACK) den Status eines Gastmitglieds. Auch auf Landes- und Bundesebene laufen Gespräche in dieser Richtung. Mit Spannung wird daher auch das von der Neuapostolischen Kirche International herausgegebene Grundlagenwerk „Der neuapostolische Glaube“ erwartet. Der „Katechismus der Neuapostolischen Kirche“ wird die grundlegenden und Glaubensauffassungen der Kirche darstellen und ist seit einiger Zeit in Vorbereitung.

Woher kommt der Sektenbegriff?

Was also ist eine „Sekte“? Sprachlich kommt der Begriff aus dem Lateinischen. Seine Wurzeln sind
1. das lateinische Substantiv von „sequi“ (= nachfolgen) „secta“ (= philosophische Lehre, Richtung, Schule, befolgter Grundsatz). Man bezeichnete damit wertneutral eine philosophische, religiöse oder politische Richtung.
2. das ebenfalls lateinische Wort „secare“ (= abschneiden). Zwar ist die häufig anzutreffende Ableitung des Begriffs Sekte von secare sprachwissenschaftlich unrichtig. Dieser Sinn „Abtrennung, Abspaltung“ hat sich aber mit dem ursprünglichen vermischt und wirkt mit in die umgangssprachliche Verwendung des Wortes Sekte hinein.

In der Bibel taucht der Begriff „Sekte“ auch auf. Er geht auf den griechischen Begriff „hairesis“ zurück. Davon hat sich später das Wort „Häresie“ entwickelt, worunter man eine Irrlehre in Abweichung von der Kirchenlehre verstand. Um die Bedeutungsweite des Begriffs zu erfassen, übersetzen modernere Fassungen der Bibel das Wort mit „Gruppe, Partei, Richtung“.

Merkmale einer Sekte

Die großen christlichen Kirchen legten für die Bestimmung einer Gemeinschaft als „Sekte“ unterschiedliche Zuordnungskriterien an. Als Charakteristikum einer „Sekte“ galt in der Vergangenheit unter anderem:

- die geringe Zahl der Mitglieder einer Gemeinschaft; die Kirche wäre demnach die zahlenmäßig größere.
- die Abspaltung von einer bestehenden „etablierten“ Kirche; (Anmerkung: das Christentum wäre demnach ursprünglich die Abspaltung vom Judentum, also eine jüdische Sekte, die lateinische [Römisch-Katholische] und griechische [Orthodoxe] Kirche sähen einander gegenseitig als Abspaltung von der ursprünglichen christlichen Kirche; der Protestantismus wäre eine katholische Sekte).
- das Motiv des Protestes gegen eine wohlhabende, verweltlichte Kirche.
- die fehlende staatliche Anerkennung.
- abartiges, krankhaftes Denken.
- der exklusive Heilsanspruch.
- die autoritäre Führung der Gemeinschaft.
- die Berufung auf außerbiblische Schriften oder Quellen, die neben der Heiligen Schrift als verbindlich für die jeweilige Lehre gelten.
- die Abweichung der Lehre von den Glaubensbekenntnissen aus der Frühzeit des Christentums.

Indessen steht heute fest, dass all die angeführten Zuordnungskriterien nicht hinreichen, um Sekten von Kirchen zu unterscheiden. Was jeweils als „Sekte“ deklariert wird, lässt sich letzten Endes nicht anhand objektiver und nachprüfbarer Punkte bestimmen.

Passen die Merkmale zur Neuapostolischen Kirche?

Mit Blick auf die Neuapostolische Kirche erübrigt sich eine Stellungnahme zu den ersten Zuordnungskriterien. Zu den letzteren Merkmalen:

Der exklusive Heilsanspruch: Das Neue Testament verknüpft das Heil untrennbar mit der Person Jesu Christi (vgl. Johannes 8,24). So sagte Apostel Petrus: „Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden.“ (Apostelgeschichte 4,12).

Auf die Frage, ob unser Glaubensweg der einzig richtige sei, antwortete Stammapostel Richard Fehr: „Aufgrund der Überlieferung der Heiligen Schrift können wir bezeugen, dass das Evangelium, so wie es in der Neuapostolischen Kirche verkündigt wird, in allen Stücken der Lehre des Herrn Jesus entspricht und biblisch begründet werden kann. Wer auf diesem Weg wandelt und die von Jesu verordneten Sakramente empfängt und treu bleibt, wird das Glaubensziel erreichen. Wie Gott seine Beziehung zu Menschen anderer Religionen und Glaubensrichtungen, die auch geglaubt, gebetet und geopfert haben und auf ihre Weise nachgefolgt sind, gestalten wird, überlassen wir seiner unantastbaren Gerechtigkeit, in der es auch für die anderen Menschen eine Erfüllung geben wird.“

Außerdem sei angemerkt, dass es seit jeher Bestandteil der Lehre der Neuapostolischen Kirche ist, dass im Friedensreich einst allen Menschen, die je gelebt haben, Gelegenheit gegeben wird, sich zu Jesus Christus zu bekennen.

Die autoritäre Führung der Gemeinschaft: Die Neuapostolische Kirche ist hierarchisch aufgebaut. Der Stammapostel in der Gemeinschaft mit den Aposteln wird in Glaubensfragen als höchste Autorität geachtet. Die Seelsorger sollen in Liebe, Gerechtigkeit und beispielhaftem Vorleben ihre Aufgaben ausüben. Gegenseitige Achtung, Offenheit und Verschwiegenheit sind Voraussetzungen für eine gesegnete Zusammenarbeit und führen zu einer Gott wohlgefälligen Gemeinschaft.

Die Berufung auf außerbiblische Schriften oder Quellen: Grundlage der Lehre der Neuapostolischen Kirche ist die Heilige Schrift. Außerbiblische Schriften stellen keine Lehrgrundlage dar. Die Verkündigung des Evangeliums geschieht auf Grundlage des Zeugnisses des Alten und Neuen Testaments. Die Auslegung der Heiligen Schrift geschieht nicht nach subjektiven Maßgaben, sondern durch das apostolische Lehramt. Das Apostelamt hat die Aufgabe, aus der Kraft des Heiligen Geistes die Heilige Schrift für den Glauben verbindlich auszulegen.

Die Abweichung der Lehre von den Glaubensbekenntnissen aus der Frühzeit des Christentums: Die ersten drei Glaubensartikel der Neuapostolischen Kirche sind weitgehend wortgleich mit dem „Apostolischen Glaubensbekenntnis“, das in seiner endgültigen Form wohl frühestens im 5. Jahrhundert vorlag. Die wenigen Veränderungen ergaben sich aus Gründen der Missverständlichkeit. Der wesentliche Eingriff ist die Weglassung der Worte „zu richten die Lebenden und Toten“ am Ende der Aussagen über Jesus Christus. Selbstverständlich glauben auch die neuapostolischen Christen an das Endgericht. Dieses oft als „Jüngstes Gericht“ bezeichnete Ereignis wird aber nicht beim Wiederkommen Jesu, sondern später stattfinden.